die Seite 0545: Die Geschichte des Fritz Koch.

Es gibt drei Zeitzeugen-Berichte, aus denen hervorgeht, wie dramatisch die Situation für die Stadt Oldenburg am Ende des Zweiten Weltkrieges und vor allem in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 gewesen ist. Diese sind die Grundlage des Hörganges am und im Alten Rathaus. Die Berichte stammen vom damaligen Oberbürgermeister der Stadt Dr. Heinrich Rabeling, dem damaligen Leiter des Wohnungsamtes Dr. Fritz Koch sowie vom Kommandeur der Schutzpolizei in dieser Zeit, Heinrich Köhnke. Im Kern orientiert sich der Hörgang aber an den Beschreibungen Kochs.

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Dr. Fritz Koch war von Beruf eigentlich Jurist. Geboren in Oldenburg im Jahr 1900, hatte er Ende 1925 seine Zulassung als Rechtsanwalt beim Landgericht erhalten, ab 1934 dann auch beim Oberlandesgericht Oldenburg. Ab Juni 1940 arbeitete er als Regierungsrat beim Luftgaukommando Hamburg. Hier erreichte ihn 1943 dann auch die Anfrage des Oldenburger Oberbürgermeisters, ob er eventuell bereit wäre, als Rechtsrat und Leiter des Wohnungsamtes in die Verwaltung der Stadt Oldenburg zu wechseln. In dieser Funktion erlebte Koch das Ende des „tausendjährigen Reiches“, wie es in dem Hörgang beschrieben wird: die Auflösungserscheinungen in der Stadt, die Endzeitstimmung seiner Bewohner und die beklemmende Stille in den Straßen im Frühjahr 1945.

Sehr interessant ist auch noch eine von Koch beschriebene Entwicklung direkt nach der Übernahme der Stadt durch die Alliierten. Koch schreibt in seinen Erinnerungen „Oldenburg 1945“ dazu:

„Am Donnerstag (3. Mai) war Oldenburg besetzt worden. Ich blieb die letzten Tage der Woche noch im Rathaus, war aber entschlossen, mich danach nicht mehr dort
sehen zu lassen, hatte doch mein Vertrag mit der Stadt […] sein Ende gefunden. […]

Überraschend war ich auf Sonntagmittag, 12.00 Uhr, zu den Engländern zitiert worden,
und zwar in eine Dienststelle der Militärregierung an der Gartenstraße.“

Ganz wohl war Koch vor diesem Termin nicht, denn noch wusste niemand, was die Engländer planten, geschweige denn ob und wen die Alliierten verhaften würden. Tatsächlich begann dieser Termin für Koch mit einem Verhör: Die Engländer wollten umgehend wissen, was er in der Nazizeit gemacht, welche Zusammenarbeit es zwischen Stadt und Partei gegeben hätte, wie man sich in der Stadtverwaltung verhalten bzw. mit den Verhältnissen arrangiert habe usw. Koch schreibt:

„Die Fragen überschlugen sich, bis plötzlich der Hauptwortführer erklärte – nachdem er sich mit den Anderen verständigt hatte: Sie sind hiermit Bürgermeister!“

Widerspruch wurde von den Engländern nicht akzeptiert:

„Erwidert wurde mir, was ich für Absichten hätte sei ihnen gleichgültig;
zunächst einmal sei ich Bürgermeister.“

Und so leitete Koch, nachdem der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Heinrich Rabeling verhaftet worden war, die Stadtverwaltung in den ersten Nachkriegsmonaten bis zur Wahl eines neuen Oberbürgermeisters am 12. Juni 1946.

Nach seinem Ausscheiden aus der Stadtverwaltung im Jahr 1946 bemühte sich Koch um eine Wiederzulassung als Rechtsanwalt und Notar. In den folgenden Jahrzehnten arbeite er dann als Jurist in seiner eigenen Rechtsanwaltskanzlei in Oldenburg.

 

Literatur zum Weiterlesen:

Fritz Koch: „Oldenburg 1945. Erinnerungen eines Bürgermeisters.
Heinz Holzberg Verlag, Oldenburg 1984.
Hier findet man – neben den Schilderungen Kochs – auch den Bericht des Kommandeurs der Schutzpolizei von Oldenburg, Heinrich Köhnke. Leider ist dieses Buch mittlerweile vergriffen, man bekommt es aber immer noch recht problemlos in Oldenburger Antiquariaten. Man findet es außerdem in der Stadt- sowie in der Landesbibliothek.

Heinrich Rabeling: „Die Besetzung der Stadt Oldenburg.
in: Hermann Lübbing „Oldenburg. Eine feine Stadt am Wasser Hunte
Heinz Holzberg Verlag, Oldenburg 1973, Seite 287 – 296.
Ebenfalls nur über Antiquariate oder die Stadt- oder Landesbibliothek zu bekommen.

Karl-Ludwig Sommer: „Oldenburgs ‚braune‘ Jahre (1932-1945).“ und
Heike Düselder: „Oldenburg nach 1945 – Beständigkeit und Traditionen, Wachstum und Dynamik.
beide in: Stadt Oldenburg (Hrsg.): „Geschichte der Stadt Oldenburg 1830-1995
Isensee Verlag, Oldenburg 1996, Seite 391ff bzw. Seite 487ff.

Dagmar Niemann-Witter: „Wenn das man gutgeht! Oldenburg in den Jahren 1930-1960.
Isensee Verlag, Oldenburg 1995.
Sammlung von Zeitzeugenberichten zum alltäglichen Leben in der Stadt Oldenburg in den Jahren 1930 bis 1960. In diesem Buch findet man auch die zahlreichen Schilderungen zur dramatischen und beklemmenden Situation in der Stadt zum Ende des Zweiten Weltkrieges, die auch in dem Hörgang zu hören sind.

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